Francesco von Mendelssohn

Der Exentriker
1901
1972

Vater: Robert von Mendelssohn

Mutter: Giulietta von Mendelssohn

Geschwister: Eleonora, Angelica


Im Berliner Spätsommer 1926 dreht der Regisseur Berthold Viertel den ersten „Querschnitt-Film“, auf dem Übergang vom Nachkriegsexpressionismus zur Neuen Sachlichkeit, mit Francesco von Mendelssohn in einer Nebenrolle. Der einstündige Streifen „K 13513. Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins“ zeigt großstädtische Lebens-Skizzen als Montage: In der Hauptrolle eine Banknote auf ihrem – Biographien ruinierenden – Weg durch die Milieus. Der Bankierssohn tritt auf als klimpernder Barpianist.

Er und seine Schauspielerschwester Eleonora, Bohemiens aus der Millionärskolonie Grunewald, sind mit Berthold Viertel befreundet. Francescos einzige Filmrolle zeigt den 26-jährigen, umgeben vom rasanten Wandel aller Konstanten, auf der Höhe des Zeitgeistes, inmitten der Künstlerszene. Seine Beteiligung an dem kapitalismuskritischen, von Rezensenten gelobten (heute verschollenen) Stummfilm ist für ihn, dem realistischer Bezug zum Geld gänzlich abgeht, ästhetische Spielerei.

Francesco von Mendelssohn as a Bohemian dandy and midnight reveler with the ensemble of the Scala cabaret on Martin Luther-Strasse in Schoeneberg. @ Sammlung Bernoulli.
Francesco von Mendelssohn as a Bohemian dandy and midnight reveler with the ensemble of the Scala cabaret on Martin Luther-Strasse in Schoeneberg. @ Sammlung Bernoulli.
Filmplakat „Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins“, ein Stummfilm aus dem Jahr 1926 mit Francesco in einer Kleinstrolle, © Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Filmplakat „Die Abenteuer eines Zehnmarkscheins“, ein Stummfilm aus dem Jahr 1926 mit Francesco in einer Kleinstrolle, © Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Patentante Eleonora Duse, größte Theaterdiva um die Jahrhundertwende. © The Retro Set
Patentante Eleonora Duse, größte Theaterdiva um die Jahrhundertwende. © The Retro Set

Der exzentrische „Cesco“, den man schon mal im zitronengelben Morgenmantel über den Kudamm flanieren sieht, gehört zu den Glamour- Promis der Epoche. Sein Vater Robert war 1917 gestorben; die Mutter Giulietta, ein Mitglied der faschistischen Partei Italiens, lebt nun meistens in Florenz und ist entzweit mit ihren Kindern. Die sturmfreie Bankiersvilla an der Königsallee wird zur wilden Party-Location, aufsteigende Berühmtheiten und Freunde wie Yvette Guilbert, Artur Schnabel, Vladimir Horowitz und Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Paul Wegener, Fritz Kortner und Elisabeth Bergner kommen ins Haus. Francesco hat keinen Bezug zum Kaufmannstalent seiner Familie, aber zu deren kultureller Tradition. Mit dem vom Vater geerbten Piatti-Cello, einer Stradivari-Kostbarkeit, tritt er in Konzerten auf und ist ab 1926 – bis zu seinem unfreiwilligen Ausstieg 1929 – Mitglied des Klingler-Quartetts. Er gibt einen Hommage-Bildband über die Bühnendiva Eleonora Duse, eine Freundin der Familie, heraus, und übersetzt Pirandello-Stücke. Sein Misserfolg als Cellist motiviert ihn zum Einstieg am Theater, wo er mit dem Regisseur Erich Engel die Wiederaufnahme der „Dreigroschenoper“ einrichtet. Ab 1930 inszeniert er selbst in Berlin und Leipzig zeitgenössische Stücke, erntet aber meistens negative Kritiken.

Während Francesco von Mendelssohn versuchte als Profi-Cellist weiterzukommen, war Albert Einstein ein berühmter und qualitativ umstrittener Dilettant an der Violine. Hier spielen beide in der Berliner Wohnung des Physikers, © bpk / Bayrische Staatsbibliothek / Archiv Heinrich Hoffmann
Während Francesco von Mendelssohn versuchte als Profi-Cellist weiterzukommen, war Albert Einstein ein berühmter und qualitativ umstrittener Dilettant an der Violine. Hier spielen beide in der Berliner Wohnung des Physikers, © bpk / Bayrische Staatsbibliothek / Archiv Heinrich Hoffmann

Deutschland verlässt der bekennende Homosexuelle, den die Nationalsozialisten als „Vierteljuden“ einstufen, wenige Tage vor der Machtübernahme Hitlers. Die „Dreigroschenoper“ wird er auch in New York (1933) und noch einmal in Paris (mit Bertolt Brecht, 1937) in Szene setzen. In den USA eskalieren die Konflikte des unangepassten, einstmals gut versorgten Emigranten mit der bürgerlichen Gesellschaft. Ein berühmtes, optimistisches Foto zeigt Francesco und Eleonora noch 1935 mit Kurt Weill, der für Max Reinhardt das Broadway-Biblical „The Eternal Road“ komponieren soll, mit Weills Frau Lotte Lenya und dem zionistischen Produzenten Meyer Weisgal bei der Ankunft dieser Fünf im Hafen von New York. In Manhattan bewohnt Francesco zunächst ein Häuschen an der 83. Straße, das bald als Party-Schauplatz angesagt ist. Für „The Eternal Road“ wird er Max Reinhardts Regieassistent.

v. l. n. r.: Francesco und Eleonora Mendelssohn mit Kurt Weil, Lotte Lenya und der Theatermanager Meyer Wolf Weisgal bei der Ankunft in New York, 10. Oktober 1935, © corbis images
v. l. n. r.: Francesco und Eleonora Mendelssohn mit Kurt Weil, Lotte Lenya und der Theatermanager Meyer Wolf Weisgal bei der Ankunft in New York, 10. Oktober 1935, © corbis images

Doch diese verbindliche Anstellung funktioniert nicht besser als in späteren Jahren sein schnell beendeter Cellisten-Job im Orchester Arturo Toscaninis, den ihm dessen Geliebte, Eleonora, vermittelt hatte. Auch eine Orchester-Stelle in der texanischen Provinz während der 1940er Jahre endet nach zweieinhalb Spielzeiten. In Europa hatten die Geschwister noch Kunstwerke aus der Familie zu Geld machen können. Nun sind sie neben Gelegenheitseinnahmen auf die versiegenden Zuwendungen der Mendelsohnschen Familienstiftung angewiesen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen sie trotzdem anderen Emigranten mit Bürgschaften, das Einreisevisum zu erhalten.

»Am I beyond repair? / And does anyone care? / I’m not sure that I do.«
Aus dem Gedicht “Biographical Notes”, geschrieben in der Psychiatrischen Klinik von Hartford / Conneticut im Februar 1947

Francescos Plan, eine Chronik seiner Familie zu schreiben, kommt über seine eigenwillige Gliederung, die sich von Moses Mendelssohn über „the uninteresting Mendelssohns“ bis zu den eigenen Promi-Freunden des 20. Jahrhunderts, das Exil („and the others to come“) und „Crazy Americans“ erstreckt, nicht hinaus. Ein ganzes Buchkapitel soll der göttlichen Duse gewidmet sein. Francesco ist längst staatenlos, seine Einbürgerung misslingt; seine Konfrontation mit dem Ordnungssystem führt den Renitenten in Leidensgeschichten. Wiederholt wird er wegen offensiver Homosexualität und Trunkenheit inhaftiert und in Psychiatrien eingeliefert, auch mit Elektroschocks „therapiert“. Seine gesundheitlichen Zusammenbrüche nehmen zu. Mit schwindenden Kräften hatte sich seine Schwester um ihn gesorgt. Zum Zeitpunkt ihres Selbstmords befindet er sich, nach einem Schlaganfall, im Hospital.

Doch als Patient in wechselnden Kliniken, als Objekt schrecklicher Behandlungstorturen, betreut durch seinen New Yorker Psychiater Fritz Wittels und schließlich als Mitbewohner bei Wittels` Witwe wird er Eleonora um 21 Jahre überleben. Studenten der nahen Juilliard School erhalten Geld, um mit ihm in der Wohnung am New Yorker Central Park gelegentlich zu musizieren. Sein Violoncello aus dem Jahr 1720, das trotz halsbrecherischer Rutschpartien durch Manhattans Buschgelände wieder so schön klingt wie einst, gelangt nach Francescos Tod in den Besitz der Marlboro Foundation. Die verkauft das Instrument an den mexikanischen Cellisten Carlos Prieto: zugunsten einer Stiftung für Nachwuchskünstler, denen mit diesem Geld geholfen werden soll, sich fürs Musizieren gute Instrumente zu besorgen.

Francesco von Mendelssohns Cello, gebaut 1720 © Foto: Stewart Pollens
Francesco von Mendelssohns Cello, gebaut 1720 © Foto: Stewart Pollens
1729
1786
Moses Mendelssohn
Der Jude von Berlin
1900
1951
Eleonora von Mendelssohn
Die tragische Diva
1817
1854
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Der Rebell